Behindertengerechtes Reisen: Wie barrierefrei sind Bahnhöfe in Deutschland?

Auch Menschen mit Beeinträchtigungen, Kleinkindern oder schwerem Gepäck sollten mit dem Zug reisen können, ohne dabei auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. In den vergangenen Jahren wurde unter anderem durch die Erhöhung der Bahnsteige, den Einbau von Aufzügen und die Nachrüstung von Blindenleitsystemen bereits viel erreicht. Doch wie barrierefrei sind Deutschlands Bahnhöfe tatsächlich? Denn Reisende mit Einschränkungen stoßen an einigen Stationen immer noch auf Hürden. Hier erfährst du, was einen barrierefreien Bahnhof kennzeichnet, wo am häufigsten Probleme auftreten und wie du dich als mobilitätseingeschränkte Person auf deine nächste Reise vorbereiten kannst.

Barrierefreiheit an deutschen Bahnhöfen

Was bedeutet Barrierefreiheit an Bahnhöfen?

An einem barrierefreien Bahnhof können alle Reisenden unabhängig ihrer Beeinträchtigungen sämtliche Bahnanlagen, Bahnsteige und Züge eigenständig und ohne fremde Hilfe nutzen. Die rechtliche Grundlage dafür bildet das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, das seit 2025 verbindliche Vorgaben für öffentliche Einrichtungen und Verkehrsbetriebe festlegt. Es wird durch europäische Richtlinien, die unter anderem in der EU-Richtlinie 2019/882 zur Barrierefreiheit verankert sind, ergänzt.

Als mobilitätseingeschränkte Personengruppen gelten in diesem Zusammenhang:

  • Reisende mit Gepäck
  • Reisende mit Gehbehinderungen
  • Reisende mit Kinderwagen und/oder Kleinkindern
  • Kleinwüchsige Reisende
  • Reisende mit Sehbehinderungen
  • Reisende mit Hörbehinderungen
  • Reisende mit eingeschränkter Kommunikationsfähigkeit

Die Deutsche Bahn hat sich über die gesetzlichen Vorgaben hinaus dafür entschieden, das gesamte Reiseerlebnis für mobilitätseingeschränkte Menschen zu verbessern. Die zweckdienlichen Maßnahmen ergeben sich aus den Details ihrer Initiative „Weitreichende Barrierefreiheit“. Zum Programm gehören insgesamt elf Ausstattungsmerkmale, die als elementar notwendig für das barrierefreie Reisen festgelegt wurden. Ein Bahnhof ist beispielsweise dann barrierefrei, wenn er einen stufenfreien Zugang zum Bahnsteig ermöglicht, etwa durch stufenfreie Gehwege, Aufzüge oder lange Rampen.

Weiterhin sollen die Bahnsteighöhen mindestens 55 cm betragen, um ein sicheres und barrierefreies Ein- und Aussteigen an den Zügen zu gewährleisten. Zur „weitreichenden Bewegungsfreiheit“ zählt darüber hinaus, dass taktile Blindenleitstreifen auf den Bahnsteigen und zu den Bahnsteigen hin vorhanden sind. Sie helfen sehbehinderten Reisenden bei der Orientierung.

Fehlende oder defekte Aufzüge

Wenn kein einsatzfähiger Aufzug zum Bahnsteig zur Verfügung steht, erschwert das gehbehinderten Personen den Zugang immens. Auch Familien mit Kinderwagen und Reisende mit schwerem Gepäck stehen ohne Lift vor einem großen Problem.

Zu niedrige Bahnsteige

Der Bahnsteig muss für einen barrierefreien Ein- und Ausstieg in den Zug eine bestimmte Höhe aufweisen. Festgelegt sind 55 cm für Regionalbahnsteige und 76 cm für Bahnhöfe, an denen Fernverkehrszüge halten. Manche Bahnsteige sind aktuell noch niedriger und können aufgrund von Bestandsschutz nicht umgebaut werden. Erreicht ein Bahnsteig die erforderliche Mindesthöhe nicht, entsteht beim Ein- und Aussteigen eine Lücke oder Stufe. Der Zug lässt sich dann von mobilitätseingeschränkten Personen nur mit der Hilfe Dritter betreten oder verlassen.

Unzureichende Blindenleitsysteme

Sehbehinderte Menschen sind auf taktile Bodenleitstreifen und gut erkennbare Kontraste im Bahnhofsgebäude und an den Bahnsteigen angewiesen, um sich sicher orientieren zu können. Genauso wichtig sind übersichtliche Wege und eindeutige Beschilderungen. Fehlen entsprechende Systeme, können sich Betroffene schnell verlaufen oder sogar in lebensbedrohliche Situationen geraten.

Keine Lautsprecherdurchsagen

Damit sich sehbehinderte Reisende und Menschen mit eingeschränkter Kommunikationsfähigkeit gut zurechtfinden, benötigen Bahnsteige neben visuellen Anzeigen zu den Fahrplänen auch akustische Durchsagen. Besonders im Falle von Verspätungen führen fehlende Lautsprecher schnell zu Unsicherheiten.

Fehlende Barrierefreiheit in Apps

Reisende mit Beeinträchtigungen sind oft auf digitale Hilfsmittel angewiesen, um ihre Fahrten mit dem Zug zu planen. Leider sind nicht alle Apps der verschiedenen Anbieter barrierefrei gestaltet. Fehlende Sprachausgabe, unklare Symbolik und zu geringe Kontrastsetzung erschweren die Bedienung.

Wie barrierefrei sind deutsche Bahnhöfe?

In einer internationalen Studie der Buchungsplattform Omio sicherte sich Deutschland den zweiten Platz in Bezug zur Bahn-Barrierefreiheit und landete nur knapp hinter den Niederlanden. Die Ergebnisse zeigten, dass zum Zeitpunkt der Studie (veröffentlicht im Dezember 2023):

  • alle Züge einen barrierefreien Zugang boten,
  • 97 % der deutschen Bahnhöfe mit einem Blindenführungssystemen ausgestattet waren und
  • 98 % der deutschen Bahnhöfe über digitale Anzeigetafeln mit den aktuellen Daten zu Ankünften, Abfahrten und weiteren wichtigen Reisehinweisen verfügten.

Bis heute (Stand: Oktober 2025) könnten sich diese Zahlen noch verbessert haben. Es gibt jedoch auch noch Luft nach oben. Die Deutsche Bahn arbeitet kontinuierlich daran, ihre Bahnhöfe so um- und auszubauen, dass sie vollständig barrierefrei sind. Laut eigenen Angaben modernisiert der Konzern etwa 150 Bahnsteige pro Jahr. Aktuell seien bereits 88 % aller Bahnsteige in Deutschland stufenlos erreichbar, sodass über 90 % aller Reisenden stufenlos zum Bahnsteig gelangen können. Das bedeutet jedoch gleichzeitig, dass jeder zehnte Reisende Stufen oder Treppen überwinden muss, um zu seinem Zug zu gelangen. Somit besteht vor allem in Bezug auf die Barrierefreiheit für gehbehinderte Personen noch Nachholbedarf an den deutschen Bahnhöfen.

Welche Bahnhöfe in Deutschland sind vollständig barrierefrei?

Die meisten der großen deutschen Bahnhöfe geben an, einen vollständig barrierefreien Zugang zu den Bahnsteigen zu bieten. So zum Beispiel der Hauptbahnhof Berlin, der Hauptbahnhof Leipzig und der Hauptbahnhof München. Ein Beispiel für einen Bahnhof, der bisher noch nicht mit Aufzügen ausgestattet wurde, ist der Bahnhof Frankfurt (Main) West. Hier sind bereits Baumaßnahmen geplant, die bis 2028 umgesetzt werden sollen.

Praktische Tipps für barrierefreies Reisen

Selbst bei barrierefreier Ausstattung der Bahnhöfe und Züge kann etwas Vorbereitung auf die anstehende Reise nicht schaden, damit du sicher zu deinem Ziel kommst. Plane deine Fahrt möglichst frühzeitig und informiere dich vorab über die Barrierefreiheit der Bahnhöfe. Beispielsweise in der DB Navigator App findest du neben den Hinweisen zur generellen Barrierefreiheit auch aktuelle Probleme (wie z. B. defekte Aufzüge) und kannst so frühzeitig darauf reagieren, falls nötig. Solltest du Unterstützung beim Ein- oder Ausstieg benötigen, dann melde dich kostenlos bei der Mobilitätsservice-Zentrale (MSZ) der Deutschen Bahn. Das ist spätestens bis 20 Uhr am Tag vor deiner Reise möglich.